Auch 100 Jahre nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 liegt Deutschland in der Mitte Europas – mit allen Vorteilen und Nachteilen daraus. Kaum eine Konfliktlinie, die sich durch den Kontinent zieht, kann uns ruhig und neutral am Rande stehen lassen, wie es unsere Schweizer Nachbarn immer so beneidenswert gelassen meistern.

Die räumliche und inhaltliche Nähe der aktuellen „Problemzone“ des Kontinents zu den Konfliktlinien vor Ausbruch des 1. Weltkriegs ruft zu kritischer Achtsamkeit und großer Sorgfalt.

Vom Baltikum über die Ukraine, durch Ungarn und Serbien bis zum Amselfeld reicht heute ein zusammenhängendes Minenfeld. Eine nicht wirklich vollendeten Aussöhnung nach dem Ende des Kalten Kriegs, eine nicht zu Ende gedachte Osterweiterung der EU und ein unerwartet kräftiges machtpolitisches Comeback Russlands haben diese gärende Instabilität geschaffen.

Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland werden in diesen Tagen als Alternative zu einem militärischen Eingreifen in der Ukraine gehandelt. Doch sind sie das wirklich ? Sind sie nicht eher die kurzatmigen und hilflos wirkende Alternative zu langwierigen und schwierigen Verhandlungen. Sind sie damit nicht eher Öl, das man ins Feuer kippt ?

Alte Feindbilder werden aus der Mottenkiste geholt. Nicht zuletzt, um von den schwerwiegenden eigenen Themen rund um Schuldenkrise, Euro und Massenarbeitslosigkeit im Süden abzulenken, stürzt sich die politische Elite der EU in außenpolitische Konflikte, die man sich eigentlich gar nicht leisten kann. Historische Erfahrungen belegen, wie brandgefährlich diese Gemengelage aus ungelösten inneren Herausforderungen und außenpolitischen Interessenkonflikten ist.

Wir meinen, die EU wäre insgesamt gut beraten, zuerst ihre großen inneren Themen, ihre zwingend notwendigen tiefgreifenden Reformen anzugehen und zu meistern. Nicht nachhaltige Sozialsysteme, eskalierte Verschuldung, auseinanderdriftende Produktivitätsgefälle und eine fehlkonstruierte Einheitswährung bilden heute genügend Handlungsbedarf innerhalb der EU. Das sind mindestens 10 Jahre harte Arbeit und äußerst unbequeme Verteilungskonflikte, die auszuhalten sind. Derweil könnte sich Russland überlegen, wie man eine eigene wirklich konstruktive Rolle im europäischen Gefüge definieren möchte – die über Pipelines und Gasverträge hinausgeht – und ob demgegenüber ein Zurückfallen in Blickwinkel, Mechaniken und Rituale der Sowjetzeit wirklich angenehme Zukunftsperspektiven eröffnet: Endet nicht ein erneuter kalter Krieg für Russland wieder im selben demütigenden Schlamassel ?

Jeder einzelne Schritt bei der Lösung der eigenen inneren Herausforderungen brächte den Menschen in der EU wie in Russland spürbare Verbesserungen der konkreten Lebensumstände. Das gegeneinander gerichtete machtpolitische Kräftemessen raubt den Menschen dagegen auf dem ganzen Kontinent Sicherheit und Wohlstand. Es ist im besten Fall ein Programm zur Massenverarmung in ganz Europa. Im schlimmsten Fall ist es ein Programm für den nächsten Krieg.

Mündige Bürger sollten sich im Westen wie im Osten des Kontinents standhaft weigern, sich aufhetzen zu lassen und ein weiteres irres Mal für ein Versagen ihrer politischen Eliten mit ihrem Wohlstand und im schlimmsten Fall wieder mit Menschenleben ins Feuer zu gehen. Gelänge es uns quer durch Europa, vor der jeweils eigenen Haustüre zu kehren, dann wären wir wirklich weiter, dann hätten wir wirklich aus den letzten 100 Jahren gelernt.

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